Kann täglicher Kopfschmerz Migräne sein? Darüber streitet die Fachwelt. “Um dies endgültig beurteilen zu können, sind noch weitere wissenschaftliche Studien erforderlich”, betont der Münchener Neurologe Dr. Volker Pfaffenrath. Den diagnostischen Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zufolge treten Migräne-Attacken – zumeist = einseitiger, pulsierend-pochender Schmerz, begleitet von Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit – üblicherweise an weniger als 15 Tagen pro Monat auf.
Aufgrund ihrer Symptomatik können aber beispielsweise die sehr seltenen, aber täglich auftretenden “cervikogenen Kopfschmerzen”, die von der Halswirbelsäule ausgehen, mit einer Migräne verwechselt werden. Zudem = können bei zehn Prozent der Patienten mit Spannungskopfschmerzen die Beschwerden auf eine Kopfseite beschränkt sein und mit sehr leichten Formen von Übelkeit und Lichtempfindlichkeit einhergehen – was die Betroffenen jedoch nie arbeitsunfähig macht.
Tägliche Kopfschmerzen sollten stets von einem Kopfschmerz-Spezialisten abgeklärt werden, damit eine korrekte Diagnose gestellt und eine sachgerechte Therapie eingeleitet werden könne, rät Pfaffenrath. Bei fast täglichen Kopfschmerzen handele es sich meist entweder um einen chronischen Spannungs- oder um einen Schmerzmittelkopfschmerz, der durch Fehlgebrauch von Schmerz- und Migränemitteln entstehe.
Gleichwohl räumt der Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ein, dass Kopfschmerz-Spezialisten immer wieder einzelne Migränepatienten betreuen, die fast täglich unter Kopfschmerzen leiden, ohne dass ein Schmerzmittel-Missbrauch vorliegt. Bekannt ist auch eine sehr seltene Migräne-Form, die so genannte zyklische Migräne, bei der die Attacken täglich in Episoden auftreten, die Wochen bis Monate dauern können.
Ebenso diskutieren Experten schon seit längerer Zeit, ob es zwei Formen von Spannungskopfschmerzen gibt, den “reinen” Spannungskopfschmerz und einen anderen, unter dem nur Migränepatienten leiden. Die Symptome dieser beiden theoretisch möglichen Formen – dumpf-drückend, zumeist den ganzen Kopf betreffend – würden sich zwar nicht unterscheiden, = jedoch wären die biologischen Ursachen jeweils unterschiedlich. Neue Nahrung erhält der Expertenstreit durch aktuelle Studien. Triptane, moderne Migränemittel, helfen theoretisch nur bei Migräne, nicht aber bei Spannungskopfschmerzen. Britische Forscher fanden aber jetzt heraus, dass die Spannungskopfschmerzen von Migränepatienten sehr wohl durch eine Behandlung mit einem Triptan gelindert werden konnten. Auch migräneähnliche Beschwerden der Patienten in dieser Studie sprachen auf diese Behandlung an. Dieser Befund stützt die Annahme, dass der Spannungskopfschmerz von Migräne-Patienten möglicherweise doch ein eigenständiges Krankheitsbild darstellt, das mit dem klassischen Spannungskopfschmerz nur die Symptome gemeinsam hat. Auch eine andere Studie stärkt diese Vermutung: Migräne-Attacken treten bei manchen Frauen gehäuft zum Zeitpunkt der Menstruation auf. Wenn diese Frauen zusätzlich noch unter Spannungskopfschmerzen leiden, ist auffallend, dass auch diese zum Zeitpunkt der Monatsblutung gehäuft auftreten. So stützt dieser Befund ebenfalls die Hypothese, dass Migränepatienten auch sehr leichte Attacken haben können, die Spannungskopfschmerzen ähneln.



